Praxisbeispiel: Sanierungsgutachten für eine Großbäckerei
Ausgangssituation: Wirtschaftliche Schieflage und zunehmender Kostendruck
Eine mittelständische Großbäckerei im Großraum Frankfurt beliefert seit vielen Jahren namhafte Supermarktketten in Deutschland. Das Unternehmen beschäftigt rund 550 Mitarbeitende und erzielte im Jahr 2024 einen Umsatz von etwa 220 Mio. Euro. In den letzten Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation deutlich. Die Ursachen waren vielfältig:
- stark gestiegene Energie- und Roh stoffpreise,
- Investitionsstau in der Produktion,
- zunehmender Preisdruck durch den Lebensmitteleinzelhandel,
- hohe Aufwendungen bei der Einführung eines ERP-Systems,
- sowie Sondereffekte, die das Ergebnis zusätzlich belasteten.
Vor diesem Hintergrund wurde Ralph Schlüter als unabhängiger Sachverständiger mit der Erstellung eines Sanierungsgutachtens beauftragt. Ziel war es, die wirtschaftliche Lage zu analysieren, die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens zu bewerten und tragfähige Maßnahmen zur Stabilisierung zu entwickeln. Besonders wichtig war dabei, die Perspektiven aller Beteiligten – Geschäftsführung, Betriebsrat, Mitarbeitende, Einkauf, Produktion, Logistik und Technik – zusammenzuführen. Erstmals wurden bereichsübergreifend gemeinsame Lösungen diskutiert, was den Grundstein für ein gemeinsames Verständnis der Situation legte.
Unser Vorgehen: Strukturierter Prozess zur Erstellung des Sanierungsgutachtens
1. Initialanalyse und Bestandaufnahme
Das Projekt wurde in vier Phasen gegliedert, um eine objektive und nachvollziehbare Bewertung der Sanierungsfähigkeit zu gewährleisten.
Zur ersten Einschätzung wurde analysiert:
- Sichtung der betriebswirtschaftlichen Unterlagen
- Analyse der Krisenursachen
- Ersteinschätzung zu Zahlungsfähigkeit und Überschuldung
Diese Phase bildete die Grundlage für eine objektive Bewertung der Ausgangslage.
2. Unternehmens- und Marktanalyse
Ziel war es, die wirtschaftlichen und operativen Potenziale sowie Schwachstellen klar zu identifizieren:
- Durchführung einer SWOT-Analyse (Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken)
- Beurteilung des Geschäftsmodells und der Marktposition
- Bewertung des Produktportfolios
- Begehung der Produktionsanlagen mit Analyse von Kapazitäten, Auslastung und Störzeiten
- OEE-Analyse (Overall Equipment Effectiveness) zur Messung von Produktivität und Effizienz
3. Planungsphase und Sanierungsansatz
Diese Analysen dienten dazu, die erforderlichen Maßnahmen mit einer belastbaren Zahlenbasis zu hinterlegen:
- Entwicklung eines realistischen Zielbildes
- Vorschläge zur Optimierung der Logistikprozesse, einer Bereinigung des Produktportfolios sowie damit verbunden einer Reduzierung von Backstraßen
- Berechnung des Break-even-Umsatzes
- Erstellung einer Cashflow-Entwicklung und Liquiditätsvorschau
4. Bewertung der Sanierungsfähigkeit
Auf Grundlage der Analysen wurde eine Bewertung der Sanierungs und wirtschaftlichen Tragfähigkeit vorgenommen:
- Ableitung und Bewertung konkreter Sanierungsmaßnahmen
- Erstellung von Szenarioanalysen (Base / Best / Worst Case)
- Beurteilung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit und Fortführungsprognose
5. Erstellung des Sanierungsgutachtens
Das von Ralph Schlüter erstellte Sanierungsgutachten umfasste folgende Elemente:
- Detaillierte Beschreibung der Unternehmensstruktur und Analyse der Krisenursachen
- Prüfung der Insolvenzgründe: keine Zahlungsunfähigkeit, keine Überschuldung bei positiver Fortführungsprognose
- Entwicklung eines zukunftsfähigen Unternehmensleitbildes mit strategischer Neuausrichtung
- Ausarbeitung eines Maßnahmenkatalogs mit operativen, strategischen und finanziellen Hebeln
- Integrierter Finanzplan (GuV, Bilanz, Cashflow) über drei Jahre
- Bewertung der Sanierungsfähigkeit unter Berücksichtigung von Chancen, Risiken und Branchenfaktoren
6. Vorstellung der Ergebnisse und Handlungsempfehlungen
In einer abschließenden Präsentation gegenüber Geschäftsführung und Betriebsrat wurden die Ergebnisse vorgestellt und konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Kurzfristige Maßnahmen (0–6 Monate)
- Einsparungen durch Optimierung der Frachten
- Anpassung im Schichtsystem
- Effizienzsteigerung im Einkauf
- Preisanpassungen bei internen Lieferbeziehungen
Mittelfristige Maßnahmen (6–18 Monate)
- Sortimentsbereinigung zur Steigerung der Deckungsbeiträge
- Abbau veralteter Anlagen, Optimierung von Platzbedarf und Wegeführung
- Produktionsplanung optimieren (Losgrößen, Rüstzeiten)
- Logistik- und Frachtkosten weiter reduzieren
Langfristige Perspektive
- Sozialverträgliche Personalreduzierung insbesondere in indirekten Bereichen
- Investitionen in Wärmenutzung und Energieeffizienz (im Rahmen kommunaler Wärmeplanung)
- Modernisierung der Produktionsstraßen
- Beantragung von BAFA-Fördermitteln für energieeffiziente Anlagen
Ergebnis: Sanierungsfähigkeit bestätigt - Potenziale und Schwächen aufgezeigt
Die Analyse ergab, dass die Großbäckerei grundsätzlich sanierungsfähig ist. Das Unternehmen verfügt über eine solide Marktstellung und einen guten Ruf bei seinen Kunden. Besonders im Bereich Sortimentsgestaltung und Effizienzsteigerung wurden deutliche Potenziale sichtbar.
Identifizierte Schwachstellen:
- Unwirtschaftlich große Produktvielfalt mit hohem Produktionsaufwand
- Hoher Fixkostenanteil bei stagnierendem Umsatz
- Veraltete Technik mit erhöhtem Energieverbrauch
- Fehlende Vertriebskanäle außerhalb des Lebensmitteleinzelhandels
Der integrierte Finanzplan zeigte, dass durch gezielte Maßnahmen ein positiver Cashflow spätestens ab dem dritten Sanierungsjahr erreichbar ist. Die Break-even-Analyse bestätigte, dass der geplante Umsatz oberhalb der kritischen Schwelle liegt.
Fazit: Objektive Bewertung und klarer Weg zur Sanierung
Das strukturierte Vorgehen im Rahmen des Sanierungsgutachtens ermöglichte eine objektive Beurteilung der Lage sowie einen klaren Pfad zur Stabilisierung und Neuausrichtung.
Das Gutachten belegte nachvollziehbar die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens und zeigte Wege auf, wie Liquidität, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit langfristig gesichert werden können. Die Konzernmutter erkannte die grundsätzliche Sanierungsfähigkeit der Tochtergesellschaft an. Die berechnete Rendite bleibt bei den empfohlenen Maßnahmen allerdings nur im Durchschnitt der Branche. Die Vorstellungen im Vorstand zielen auf einen höheren Wert ab.
Die endgültige Entscheidung über Weiterführung oder Schließung liegt nun in der Hand der Konzernleitung – unter Berücksichtigung übergeordneter strategischer Ziele.