Als der Raum kippte
Es ist gut 15 Jahre her. Ein Krankenhaus stand vor einer grundlegenden Veränderung: Das Haus sollte zukünftig stärker wirtschaftlich geführt werden. Die Geschäftsleitung hatte entschieden, eine unternehmensweite Balanced Scorecard mit KPIs und einer neuen Steuerungslogik einzuführen. Mein Auftrag war es, die Mitarbeitenden in einem dreitägigen Workshop an diese Notwendigkeit heranzuführen und die neue Steuerungslogik verständlich zu machen.
Ich hatte mich wie immer sorgfältig vorbereitet: Kontext abgefragt, Zielsetzung geklärt, Agenda abgestimmt. Der erste Tag lief ruhig an. Doch im Laufe des Vormittags veränderte sich die Stimmung im Raum. Erst unmerklich, dann spürbar. Bis ein Chefarzt aufstand und losbrüllte. Er wolle wissen, was das Ganze solle. Die Geschäftsleitung trimme das gesamte Haus auf Wirtschaftlichkeit – und niemand rede offen darüber. Die Verunsicherung im Raum war mit Händen zu greifen. Ich unterbrach den Workshop sofort.
Wer die Verantwortung abgibt, gibt gleichzeitig die Handlungsfähigkeit ab.
Was mir niemand gesagt hatte
Die professionelle Auftragsklärung hatte ich gemacht – das gehört bei uns zum Standard. Aber was mir nicht vermittelt worden war: Die Stimmung im Haus war längst gekippt. Viele Mitarbeitende hatten Ängste, Vorbehalte, offene Fragen. Manche waren frustriert, weil sie über die strategische Neuausrichtung kaum informiert worden waren. Dieser aufgestaute Druck saß im Raum – unsichtbar für mich, aber für alle anderen längst spürbar.
Ich hätte die Schuld beim Auftraggeber suchen können. Aber wer die Verantwortung abgibt, gibt gleichzeitig die Handlungsfähigkeit ab. Ich kann mich ändern. Meinen Auftraggeber nicht. Also unterbrachen wir die Agenda und schafften Raum für das, was wirklich im Raum war: Sorgen, Befürchtungen, Fragen, die lange niemand gestellt hatte.
Veränderung braucht Boden. Dieser Boden entsteht nicht durch Inhalte allein, sondern durch den Mut, das auszusprechen, was alle spüren aber keiner sagt.
Der Knoten platzte – und das war entscheidend
Was danach passierte, erlebe ich seitdem immer wieder als einen der wertvollsten Momente in Veränderungsprojekten: Ein Knoten platzte. Die Folgetage verliefen nicht nur ruhiger – sie waren produktiver, offener und ehrlicher als jeder Workshop, den ich in einem unaufgeräumten emotionalen Klima je erlebt habe.
Seit diesem Tag gehört bei TEAMSCHLÜTER zur Auftragsklärung nicht nur die fachliche und strategische Einbettung, sondern auch die Frage nach der emotionalen Lage im Unternehmen: Was bewegt die Menschen gerade wirklich? Welche Ängste liegen im Raum? Was wurde bisher nicht ausgesprochen? Wer diesen Schritt überspringt, arbeitet am Menschen vorbei – egal wie durchdacht das Konzept ist.